Die Anfänge
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Quäker ihre Hilfe für zivile Kriegsopfer immer weiter ausgedehnt. Sie erhielt zum erstenmal eine organisatorische Basis durch die Gründung des »Friends War Victims Relief Committee« in London im Oktober 1870, einige Monate nach Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Dieses Hilfskomitee konnte bald auf beträchtliche Spenden zu-rück-greifen und entsandte vierzig Helfer, Männer und Frauen, nach Paris, in die Um-gebung von Metz und in das Loire-Tal, wo sie an die vom Krieg betroffene französische Zivilbevölkerung und an Flüchtlinge aus den Kampfgebieten im östlichen Frankreich Kleidung, Nahrungsmittel, Bettzeug, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte verteilten. Das Erkennungszeichen dieser Helfer war jener rot-schwarze achteckige Stern, der dann seit dem Ersten Weltkrieg zum Symbol weltweiter Quäker-Hilfe geworden ist.
Der Erste Weltkrieg wurde zum Ausgangspunkt neuer organisatorischer Formen der Quäker-Hilfsarbeit. Gleich nach Kriegsausbruch wurde in England das »Friends War Victims Relief Committee« wiedergegründet, und es nahm noch im Herbst 1914 seine Hilfstätigkeit in den vom Krieg heimgesuchten Gebieten Frankreichs auf. Außerdem ließ es den zu Beginn des Krieges in England in-ter-nierten Deutschen materielle und moralische Hilfe zukommen, was in dem Klima nationalistischer Verhetzung alles andere als populär war.
Amerikanische Quäker gründeten Ende April 1917 eine Organisation, die wenig später den Namen »American Friends Service Committee« (AFSC) annahm. Sie bot Quäkern wie Nichtquäkern eine Alternative zum Kriegsdienst. Im Sommer 1917 gingen die ersten amerikanischen »Freunde« nach Frankreich, um dort bei der Beseitigung von Kriegsschäden zu helfen. Schließlich arbeiteten mehrere tausend Amerikaner im »Zivildienst« in Frankreich, unter ihnen sechshundert Quäker. Sechs amerikanische Quäkerinnen kamen im Sommer 1917 nach Rußland, um dort die Arbeit aufzunehmen.
Das Ende des Krieges bedeutete nicht auch das Ende dieses humanitären Engagements. Frankreich, Polen, Serbien und Rußland waren die wichtigsten Schauplätze der Hilfsarbeit in der ersten Nachkriegszeit. Das besiegte Deutschland blieb zunächst von ihr ausgeschlossen, nicht nach dem Willen der amerikanischen und britischen Quäker, sondern auf Veranlassung der alliierten Regierungen. Als die britischen Quäker Anfang 1919 die Erlaubnis erhielten, Milchpulver und Babykleidung für Entbindungsheime und Kinderkrankenhäuser nach Deutschland zu schicken, stießen sie »auf bürokratische Hemmnisse und zu Hause auf öffentlichen Widerstand. Anfangs wurden sie gezwungen, ihre Arbeit geheimzuhalten. Es wurde ihnen untersagt, an die Öffentlichkeit zu appellieren oder in der Presse einen Bericht über ihre Arbeit zu publizieren; außerdem erhielt kein Mitglied des Nothilfe-Komitees die Erlaubnis, Deutschland zu besuchen. Als sie schließlich Rundbriefe druckten, taufte man sie ›Hunnenschmeichler‹ ... Erst weigerte sich das englische Rote Kreuz, beim Transport mitzuhelfen, dann das amerikanische.« (Naomi Sheperd: Wilfrid Israel, Berlin 1985, S. 49. Aus dem Englischen)
Die von den Siegermächten über Deutschland verhängte und bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages Ende Juni 1919 aufrechterhaltene Blockade führte, zusammen mit anderen Faktoren, zu einer alarmierenden Notlage, die aus humanitären wie aus politischen Gründen schnelle Abhilfe verlangte. Bereits wenige Tage nach der für die Deutschen demütigenden Zeremonie von Versailles waren einige amerikanische und englische Quäkerinnen und Quäker in Berlin, um sich über die Situation zu informieren und Hilfsmaßnahmen vorzubereiten. Einige Monate später, im November 1919, bat der aus einer Quäker-Familie stammende Herbert Hoover (der spätere Präsident der USA) als Generalsekretär des amerikanischen Hilfsprogramms für Europa das »American Friends Service Committee«, die Verteilung der nun für Deutschland zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel und die Organisation der Hilfsarbeit in Deutschland zu übernehmen. Es handelte sich in erster Linie um Mittel für ein Kinderhilfswerk, in das bereits drei Millionen unterernährte Kinder in sechzehn anderen europäischen Ländern einbezogen waren.
Am 26. Februar 1920 begann in Berlin die legendär gewordene, bis heute in Deutschland unvergessene erste »Quäkerspeisung«. Sie war eine organisatorische Meisterleistung, die möglich wurde durch die Zusammenarbeit eines kleinen Teams amerikanischer und britischer »Freunde« mit etwa 40.000 deutschen Helfern. Es wurden in erster Linie ausgewählte Kinder mit Untergewicht und Unterernährung im Alter von sechs bis vierzehn Jahren, später auch zwei- bis sechsjährige Kinder sowie werdende und stillende Mütter berücksichtigt. Die zusätzliche warme Mahlzeit, die sie erhielten, bestand aus einem halben oder dreiviertel Liter Kakao, Milchreis, Erbsen- oder Bohnensuppe mit einem Stück Weißbrot oder einem Zwieback.
Die Lebensmittel für diese Speisung wurden größtenteils in den USA gekauft, der »European Children Fund« übernahm die Verschiffungs- und Versicherungskosten bis Hamburg. Die Transportkosten in Deutschland trug die deutsche Regierung, die ab 1. Oktober 1920 auch die Aufwendungen für Mehl und Zucker beglich. Die Quäker kamen für die allgemeinen Organisations- und Personalkosten auf. Das Hilfswerk wurde durch Spenden von Amerikanern aus allen Kreisen und in besonderem Maße von Deutschamerikanern unterstützt.
Das erste Hilfsprogramm lief bis zum Juli 1921, ein weiteres schloß sich an. Vom August 1921 bis zum 31. Juli 1922 sind täglich etwa fünfhunderttausend deutsche Kinder gespeist worden. Die Deutschlandhilfe der amerikanischen Quäker schloß auch die Verteilung von Lebensmittelpaketen, von Kleidung, von Arzneimitteln und anderen Formen medizinischer Hilfe ein. Nachdem von August 1922 an der Deutsche Zentralausschuß für die Auslandshilfe für die Speisung verantwortlich gewesen war, organisierten die Quäker 1924 noch einmal für einige Monate die Hilfe, die nun pro Tag rund einer Million Kinder zugute kam. Im Oktober 1924 beendeten die »Freunde« ihre Hilfsarbeit in einem Deutschland, das nun in sichtlich besseren Verhältnissen lebte als in den ersten Nachkriegsjahren.
Amerikaner und Briten hatten sich über eine Arbeitsteilung verständigt. Durch ein englisches Hilfsprogramm in Köln konnten ab Sommer 1920 bis zu dreißigtausend Kinder gespeist werden. Die englischen Quäker richteten außerdem an nahezu allen deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen Speisezentren für Studenten ein, und auch deutsche Wissenschaftler kamen in den Genuß ihrer Hilfe.
In dem offiziellen Bericht »Kinderspeisung« des Deutschen Zentralausschusses für die Auslandshilfe hieß es über die Speisung vom 1. März 1920 bis zum 4. April 1925: »Es kann damit gerechnet werden, daß zum mindesten ein Viertel der in den Jahren 1909 bis 1919 Geborenen einmal wenigstens ein halbes Jahr lang gespeist worden ist.« Reichspräsident Friedrich Ebert dankte den Quäkern am 17. Juni 1924 in einer Ansprache für ihr wohltätiges Wirken und sagte bei dieser Gelegenheit, die Kinderspeisung sei »ein wesentlicher Teil unserer gesamten Wohlfahrtspflege« geworden.
Die eindrucksvollen Zahlen über den Umfang dieser Hilfe sagen viel, aber nicht alles. Was die »Quäkerspeisung« und alle anderen Hilfsmaßnahmen damals für die Deutschen bedeuteten, läßt sich nur auf dem Hintergrund der desolaten materiellen und psychologischen Situation Deutsch-lands in diesen ersten Nachkriegsjahren ermessen. Millionen deutscher Kinder wurden vor dauerhaften gesundheitlichen Schäden durch Hunger und Krankheiten bewahrt, und für Tausende von deutschen Müttern gilt dasselbe. Nicht Wirkung der Quäker-Hilfe in dem nach der Niederlage von der Außenwelt isolierten, moralisch gebrandmarkten und politisch gedemütigten Land.




